Modul 6 von 6
Wirtschaftsinformatik und SAP
Die fünf Module davor waren Informatik. Dieses ist dein eigentliches Fach: die Verbindung von Technik und Betriebswirtschaft. Hier erfährst du, was ein Geschäftsprozess ist, warum es ERP-Systeme gibt, wie die SAP-Welt aufgebaut ist und wie Softwareprojekte organisiert werden.
Dieses Modul beschreibt SAP-Produkte auf dem Stand allgemein bekannter Grundlagen. SAP entwickelt seine Produktnamen und Oberflächen laufend weiter - erwarte also nicht, dass jede Bezeichnung am ersten Arbeitstag exakt so heißt. Die Konzepte dahinter - Prozesse, Belege, Module, Erweiterbarkeit - sind seit Jahrzehnten stabil und genau die zählen für den Einstieg.
1. Was ist Wirtschaftsinformatik?
Wirtschaftsinformatik ist die Wissenschaft von Informationssystemen in Unternehmen. Sie sitzt bewusst zwischen den Stühlen: Ein Informatiker baut das System, ein Betriebswirt nutzt es - und du sorgst dafür, dass das Gebaute tatsächlich das Problem löst.
Die Einkaufsleiterin sagt: „Unsere Bestellfreigaben dauern zu lange.“ Die Entwicklung kann damit nichts anfangen. Deine Aufgabe ist, daraus zu machen: „Bestellungen unter 5000 Euro sollen ohne zweite Freigabe direkt an den Lieferanten gehen, sofern der Lieferant im Rahmenvertrag steht.“ Erst das ist umsetzbar. Diese Übersetzungsleistung ist der Kern des Berufs - und der Grund, warum du beide Sprachen brauchst.
- Mensch: Wer arbeitet damit, mit welchem Wissen, in welcher Rolle?
- Aufgabe: Welcher Geschäftsprozess wird unterstützt?
- Technik: Welche Software, welche Datenbank, welche Schnittstellen?
Ein Projekt scheitert selten an der Technik. Es scheitert daran, dass niemand mit den Menschen gesprochen hat, die später damit arbeiten müssen. Merk dir das für dein erstes Praxisprojekt - es ist die wichtigste Einsicht dieses ganzen Moduls.
2. Geschäftsprozesse verstehen
Ein Geschäftsprozess ist eine Folge von Tätigkeiten, die aus einem Auslöser ein Ergebnis mit Wert für den Kunden erzeugt. Unternehmenssoftware bildet immer Prozesse ab - nie einzelne Funktionen.
Der wichtigste Prozess für den Anfang: Order-to-Cash
Kundenanfrage
↓
Angebot erstellen
↓
Kundenauftrag anlegen ← hier beginnt es im System
↓
Verfügbarkeit prüfen ← Lagerbestand, Liefertermin
↓
Kommissionieren und liefern ← Lagerbestand sinkt
↓
Rechnung stellen ← Forderung entsteht
↓
Zahlungseingang buchen ← Forderung ausgeglichen
Order-to-Cash und sein Gegenstück Purchase-to-Pay (vom Bedarf bis zur Zahlung an den Lieferanten) sind die beiden Prozesse, die du im ersten SAP-Praxiseinsatz garantiert antriffst. Beachte, dass die Schritte durch verschiedene Abteilungen laufen - Vertrieb, Lager, Buchhaltung - und trotzdem dieselben Daten nutzen. Genau das ist der Grund, warum es ERP-Systeme gibt.
Prozesse modellieren mit BPMN
BPMN (Business Process Model and Notation) ist die verbreitetste Notation für Prozessdiagramme. Die wichtigsten Symbole:
| Symbol | Name | Bedeutung |
|---|---|---|
| ◯ dünner Kreis | Startereignis | was den Prozess auslöst |
| ▭ Rechteck | Aktivität | eine Tätigkeit, immer Verb + Objekt |
| ◇ Raute | Gateway | Verzweigung, meist eine Ja/Nein-Frage |
| ◉ dicker Kreis | Endereignis | womit der Prozess endet |
| ▬ Bahn | Lane | wer die Tätigkeit ausführt |
Aktivitäten immer als Verb plus Objekt benennen („Rechnung prüfen“, nicht „Rechnungsprüfung“). Und jeder Prozess braucht genau einen Start und mindestens ein klar benanntes Ende - auch die Abbruchfälle wie „Auftrag abgelehnt“ gehören eingezeichnet, nicht nur der Erfolgsweg.
3. ERP-Systeme: die Idee
ERP steht für Enterprise Resource Planning. Die Grundidee ist einfach: alle Bereiche eines Unternehmens arbeiten auf einer einzigen Datenbasis.
Ohne ERP: Der Vertrieb führt eine Excel-Liste mit Kunden, das Lager eine eigene Software, die Buchhaltung ein drittes Programm. Zieht ein Kunde um, muss das an drei Stellen gepflegt werden. Wie viel Umsatz ein Kunde gebracht hat, weiß niemand genau.
Mit ERP: Der Kunde existiert einmal. Legt der Vertrieb einen Auftrag an, sieht das Lager ihn sofort. Wird geliefert, sinkt der Bestand und die Buchhaltung kann fakturieren - ohne dass jemand etwas weiterreicht.
Die klassischen Bereiche
| SAP-Kürzel | Bereich | Was dort passiert |
|---|---|---|
| FI | Financial Accounting | externes Rechnungswesen, Bilanz, Steuern |
| CO | Controlling | internes Rechnungswesen, Kostenstellen |
| MM | Materials Management | Einkauf, Lager, Bestände |
| SD | Sales and Distribution | Vertrieb, Aufträge, Lieferungen, Fakturen |
| PP | Production Planning | Fertigungsplanung und -steuerung |
| HCM | Human Capital Management | Personal, Abrechnung, Zeitwirtschaft |
In SAP-Systemen wird fast alles als Beleg abgebildet: der Kundenauftrag, der Lieferschein, die Rechnung, die Buchung. Belege verweisen aufeinander und bilden eine lückenlose Kette - der Belegfluss. Zu jeder Buchung lässt sich damit zurückverfolgen, aus welchem Auftrag sie entstanden ist. Das ist nicht nur bequem, sondern gesetzlich gefordert: Die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung verlangen, dass sich jeder Geschäftsvorfall nachvollziehen lässt.
Stammdaten und Bewegungsdaten
Langlebige Grunddaten: Kunde, Lieferant, Material, Konto. Sie ändern sich selten und werden von vielen Prozessen genutzt. Schlechte Stammdatenpflege ist die häufigste Ursache für Probleme in ERP-Projekten.
Vorgänge, die laufend entstehen: Aufträge, Lieferungen, Buchungen. Sie beziehen sich immer auf Stammdaten und wachsen mit jedem Geschäftsvorfall.
4. Die SAP-Welt im Überblick
SAP wurde 1972 in Weinheim gegründet, sitzt heute in Walldorf und ist der größte europäische Softwarehersteller. Die Produktpalette ist groß - hier die Begriffe, die du für den Einstieg einordnen können solltest.
| Begriff | Was es ist |
|---|---|
| R/3 | Die klassische ERP-Generation ab den 1990er Jahren, dreischichtig aufgebaut: Datenbank, Anwendung, Präsentation. Historisch, aber der Begriff fällt noch oft. |
| ECC | Der Nachfolger von R/3, in vielen Unternehmen jahrzehntelang im Einsatz. Läuft auf verschiedenen Datenbanken. |
| S/4HANA | Die aktuelle ERP-Generation. Setzt zwingend die HANA-Datenbank voraus und wurde dafür intern stark vereinfacht. |
| HANA | Die In-Memory-Datenbank: Daten liegen im Arbeitsspeicher und häufig spaltenweise statt zeilenweise - das macht Auswertungen sehr schnell. |
| Fiori | Die moderne Oberfläche - Kacheln im Browser und auf dem Handy, statt der alten Transaktionscodes. |
| ABAP | Die SAP-eigene Programmiersprache, in der große Teile des Systems selbst geschrieben sind und in der Erweiterungen entstehen. |
| BTP | Business Technology Platform - die Cloud-Plattform (PaaS) für eigene Erweiterungen, Schnittstellen und Analysen. |
Zwei Gründe. Erstens liegen die Daten im Arbeitsspeicher statt auf der Platte - rund tausendmal schnellerer Zugriff, wie in Modul 1 gerechnet. Zweitens speichert HANA spaltenweise: Für „Summe aller Umsätze“ muss nur die eine Spalte gelesen werden statt aller Zeilen mit hundert Feldern. Für einzelne Datensätze ist zeilenweise Speicherung besser, für Auswertungen spaltenweise - deshalb kann HANA beides.
Die drei Systeme einer Landschaft
Kein Unternehmen entwickelt im laufenden Betrieb. Änderungen wandern über eine Transportlandschaft:
DEV ──────► QAS ──────► PRD
Entwicklung Test/Qualität Produktion
Entwickelt Fachbereich Der echte Betrieb.
wird nur testet mit Hier wird nichts
hier. Kopien der direkt geändert.
echten Daten.
Wenn dich jemand fragt, „auf welchem System“ du gerade bist, ist das genau damit gemeint. Und die eiserne Regel lautet: Auf PRD wird nicht entwickelt. Änderungen entstehen auf DEV und wandern als Transportauftrag weiter.
5. ABAP und das Erweitern von Standard
ABAP (Advanced Business Application Programming) ist SAPs eigene Sprache. Sie wirkt auf den ersten Blick altmodisch, hat aber eine Besonderheit, die keine andere verbreitete Sprache mitbringt: Datenbankzugriffe sind direkt in die Sprache eingebaut.
DATA: lt_kunden TYPE TABLE OF kna1.
SELECT kunnr, name1, ort01
FROM kna1
INTO TABLE @lt_kunden
WHERE land1 = 'DE'.
LOOP AT lt_kunden INTO DATA(ls_kunde).
WRITE: / ls_kunde-kunnr, ls_kunde-name1.
ENDLOOP.
Wenn du Modul 2 und Modul 4 durchgearbeitet hast, kannst du das lesen: Es ist eine Schleife über das Ergebnis einer SQL-Abfrage. Genau darum ging es bei den beiden Modulen.
Ändert man SAP-Standardcode direkt, bricht das beim nächsten Update - und man ist dafür selbst verantwortlich. Erweiterungen laufen deshalb über vorgesehene Anschlussstellen: User-Exits und BAdIs im klassischen System, Erweiterungspunkte in S/4HANA, oder komplett getrennt auf der BTP („Clean Core“). Diese Denkweise - Standard nutzen, nur an vorgesehenen Stellen erweitern - ist eine der ersten, die dir im dualen Studium beigebracht wird.
Wo dich das Programmieren aus Modul 2 wiederfindet
| Konzept aus Modul 2 | In ABAP |
|---|---|
| Variable | DATA lv_summe TYPE i. |
| Verzweigung | IF … ELSEIF … ELSE … ENDIF. |
| Schleife | LOOP AT … ENDLOOP. oder DO … ENDDO. |
| Funktion | Methode einer Klasse oder Funktionsbaustein |
| Klasse | CLASS … DEFINITION. - ABAP Objects |
| Array von Objekten | interne Tabelle |
6. Daten im Unternehmen auswerten
Ein ERP-System erfasst Vorgänge. Für Auswertungen über Jahre und Bereiche hinweg nimmt man aber ein eigenes System - aus einem einfachen Grund: Wer im laufenden Betriebssystem große Berichte rechnet, bremst die Kollegen aus, die gerade Aufträge erfassen.
| OLTP (das ERP) | OLAP (das Auswertungssystem) | |
|---|---|---|
| Zweck | Vorgänge erfassen | Auswerten und Berichten |
| Typischer Zugriff | einzelne Datensätze, oft schreibend | viele Datensätze, nur lesend |
| Datenmodell | stark normalisiert | bewusst denormalisiert (Sternschema) |
| Datenbestand | aktuell | historisch, über Jahre |
In der Mitte steht eine Faktentabelle mit den messbaren Zahlen (Umsatz, Menge). Ringsherum liegen Dimensionstabellen mit den Betrachtungswinkeln (Zeit, Kunde, Produkt, Region) - im Diagramm sieht das aus wie ein Stern. Damit lässt sich der Umsatz nach jeder Kombination auswerten: pro Quartal, pro Region, pro Produktgruppe. Hier wird bewusst denormalisiert, genau wie in Modul 4 beschrieben.
Die Begriffsleiter
- Daten: die Zahl 4711 - für sich genommen bedeutungslos
- Information: Kunde 4711 hat 125 000 Euro Umsatz gemacht
- Wissen: Kunden dieser Größe bestellen im vierten Quartal deutlich mehr
- Entscheidung: Wir sprechen diese Gruppe im Oktober gezielt an
Die Aufgabe der Wirtschaftsinformatik ist es, diese Leiter für ein Unternehmen begehbar zu machen. Ein Bericht, den niemand für eine Entscheidung nutzt, ist vergeudete Arbeit - so hübsch er auch aussieht.
7. Modellieren mit UML
UML (Unified Modeling Language) ist die Standardnotation für Softwaremodelle. Von den vierzehn Diagrammarten brauchst du im Studium vor allem zwei.
Das Anwendungsfalldiagramm
Zeigt, wer das System wofür nutzt - ohne jede technische Aussage. Ideal, um mit Fachabteilungen zu sprechen.
┌─────────────────────────────┐
│ Auftragssystem │
│ │
Vertrieb ────┼──► ( Auftrag anlegen ) │
○ │ │
/|\ ├──► ( Auftrag ändern ) │
/ \ │ │
│ ( Bonität prüfen ) ◄─────┼──── Buchhaltung
│ │ ○
│ ( Bericht abrufen ) ◄────┼─────── /|\
└─────────────────────────────┘ / \
Das Klassendiagramm
Zeigt den Aufbau der Software: welche Klassen es gibt, welche Daten und Methoden sie haben und wie sie zusammenhängen.
┌─────────────────────┐ ┌──────────────────────┐
│ Kunde │ │ Auftrag │
├─────────────────────┤ 1 n ├──────────────────────┤
│ - kundenNr : int ├──────────┤ - auftragNr : int │
│ - name : String │ erteilt │ - datum : Date │
│ - ort : String │ │ - status : String │
├─────────────────────┤ ├──────────────────────┤
│ + rabatt() : double │ │ + summe() : double │
└─────────────────────┘ └──────────────────────┘
△
│ Vererbung
┌─────────┴───────────┐
│ Firmenkunde │
├─────────────────────┤
│ - handelsregister │
└─────────────────────┘
-privat (nur innerhalb der Klasse sichtbar),+öffentlich - das ist die Kapselung aus Modul 21undnan den Enden sind die Kardinalitäten, genau wie im ER-Diagramm- Das leere Dreieck
△bedeutet Vererbung - Die ausgefüllte Raute steht für Komposition: Der Teil kann ohne das Ganze nicht existieren (Auftragsposition ohne Auftrag)
Sie sehen ähnlich aus und werden gern verwechselt. Das ER-Diagramm modelliert die Datenbank - es kennt nur Daten und Beziehungen. Das Klassendiagramm modelliert die Software - es kennt zusätzlich Methoden, Sichtbarkeiten und Vererbung.
8. Softwareprojekte organisieren
Feste Reihenfolge: Anforderungen, Entwurf, Umsetzung, Test, Einführung. Jede Phase endet, bevor die nächste beginnt.
Gut, wenn die Anforderungen von Anfang an feststehen und sich nicht ändern
dürfen - etwa bei gesetzlich vorgegebenen Meldeverfahren.
Schlecht, wenn sich die Anforderungen erst beim Ausprobieren klären. Und
das ist der Normalfall.
In kurzen Abschnitten (Sprints, meist zwei Wochen) entsteht jeweils etwas Benutzbares. Nach jedem Sprint wird nachjustiert.
Gut, wenn sich Anforderungen im Lauf des Projekts schärfen - der übliche
Fall.
Schlecht, wenn ein Festpreis mit fixem Umfang vereinbart wurde oder
Abhängigkeiten zu starren Terminen bestehen.
Scrum in einer Übersicht
| Rolle | Verantwortung |
|---|---|
| Product Owner | Entscheidet was gebaut wird und in welcher Reihenfolge. Vertritt die Fachseite. |
| Scrum Master | Sorgt dafür, dass das Team ungestört arbeiten kann, und räumt Hindernisse aus dem Weg. Kein Chef. |
| Entwicklungsteam | Entscheidet wie gebaut wird und wie viel in einen Sprint passt. |
| Ereignis | Wann | Wozu |
|---|---|---|
| Sprint Planning | zu Beginn | Was schaffen wir in diesem Sprint? |
| Daily | täglich, 15 Minuten | Abstimmung im Team, keine Statusmeldung an Vorgesetzte |
| Review | am Ende | Ergebnis den Beteiligten zeigen und Rückmeldung einholen |
| Retrospektive | ganz am Ende | Wie arbeiten wir zusammen und was ändern wir daran? |
Agil heißt nicht „ohne Plan“ oder „ohne Dokumentation“. Es heißt, in kurzen Abständen zu prüfen, ob der Plan noch stimmt, und ihn dann zu ändern - statt ihn zwei Jahre lang gegen die Realität zu verteidigen. Wenn jemand behauptet, agil brauche keine Anforderungen, hat er das Gegenteil verstanden.
Das Magische Dreieck
Jedes Projekt bewegt sich zwischen Zeit, Kosten und Umfang bei gleichbleibender Qualität. Man kann höchstens zwei davon festlegen - die dritte ergibt sich.
Deshalb ist die Aussage „bis Ende des Jahres, zum Festpreis, mit genau diesem Funktionsumfang“ ein Warnsignal. Wenn dir das in deinem ersten Projekt begegnet, hast du jetzt die Sprache, es anzusprechen.
9. Datenschutz und Compliance
Sobald personenbezogene Daten im Spiel sind - und in einem ERP-System sind sie das immer - gilt die Datenschutz-Grundverordnung. Für dich als Wirtschaftsinformatiker ist sie kein juristisches Randthema, sondern eine Anforderung an das System.
- Zweckbindung: Daten dürfen nur für den Zweck genutzt werden, für den sie erhoben wurden.
- Datenminimierung: Nur erheben, was tatsächlich gebraucht wird.
- Speicherbegrenzung: Löschen, wenn der Zweck entfällt - dem stehen allerdings handels- und steuerrechtliche Aufbewahrungsfristen gegenüber.
- Integrität und Vertraulichkeit: Schutz durch Berechtigungen und Verschlüsselung.
- Rechenschaftspflicht: Das Unternehmen muss die Einhaltung nachweisen können.
Betroffene haben Rechte, die im System technisch umsetzbar sein müssen: Auskunft, Berichtigung, Löschung, Datenübertragbarkeit. Die Frage „Können wir für einen einzelnen Kunden alle Daten herausgeben und anschließend löschen?“ muss ein System beantworten können - und zwar bevor jemand danach fragt.
Datenschutz wird beim Entwurf eingebaut, nicht nachträglich angeflanscht. Konkret heißt das: Berechtigungen von Anfang an mitdenken, Felder weglassen, die man nicht braucht, Löschkonzepte vor der ersten Zeile Code klären. Nachträglich ist beides um ein Vielfaches teurer - und genau deshalb wird in Prüfungen danach gefragt.
Übungen
Aufgabe 1 · leicht
Ordne den SAP-Modulen die Aufgaben zu: FI, CO, MM, SD.
Lösung anzeigen
FI - externes Rechnungswesen (Bilanz, Steuern, was nach außen gemeldet wird)
CO - internes Rechnungswesen (Kostenstellen, was der Steuerung dient)
MM - Einkauf, Lager, Bestände
SD - Vertrieb, Aufträge, Lieferungen, Rechnungen
Eselsbrücke für FI und CO: FI schaut nach außen, CO nach innen.
Aufgabe 2 · leicht
Ein Kollege sagt: „Wir entwickeln das schnell direkt auf dem Produktivsystem, dann geht es zügiger.“ Was antwortest du?
Lösung anzeigen
Auf PRD wird nicht entwickelt. Ein Fehler wirkt dort sofort auf den echten Geschäftsbetrieb - falsche Buchungen, fehlerhafte Lieferungen, im schlimmsten Fall Datenverlust. Außerdem gibt es keine Rückfallebene und keine Prüfspur, wer wann was geändert hat. Änderungen entstehen auf DEV, werden auf QAS getestet und wandern als Transportauftrag nach PRD. Das ist auch eine Anforderung aus der Revision, nicht bloß eine Angewohnheit.
Aufgabe 3 · mittel
Skizziere den Prozess „Urlaubsantrag“ mit BPMN-Elementen: Wer beteiligt sich, welche Schritte gibt es, wo wird verzweigt?
Lösung anzeigen
Bahn: Mitarbeiter
◯ Urlaubswunsch entsteht
▭ Antrag stellen
↓
Bahn: Führungskraft
▭ Antrag prüfen
◇ Genehmigt?
├─ ja → ▭ Antrag genehmigen
└─ nein → ▭ Antrag ablehnen → ◉ Ende: abgelehnt
↓
Bahn: Personalabteilung
▭ Urlaubskonto fortschreiben
◉ Ende: genehmigt
Zwei Punkte, auf die es ankommt: Der Ablehnungsfall ist ein eigenes, benanntes Ende - nicht bloß ein Pfeil ins Leere. Und die Bahnen zeigen, dass der Prozess durch drei Zuständigkeiten läuft. Genau an solchen Übergängen bleiben Prozesse in der Praxis liegen.
Aufgabe 4 · mittel
Warum wertet man Unternehmensdaten nicht einfach direkt im ERP-System aus?
Lösung anzeigen
- Leistung: Große Auswertungen lesen Millionen Zeilen und bremsen die Kollegen aus, die gleichzeitig Aufträge erfassen.
- Datenmodell: Das ERP ist normalisiert, gut fürs Erfassen. Auswertungen brauchen ein denormalisiertes Sternschema mit weniger JOINs.
- Historie: Das ERP zeigt den aktuellen Stand. Für Vergleiche über Jahre braucht man die Vergangenheit konserviert.
- Mehrere Quellen: Auswertungen sollen oft ERP, Onlineshop und Fremdsysteme zusammenführen.
Aufgabe 5 · schwer
Eine Fachabteilung wünscht: „Wir wollen sehen, welche Kunden wir verlieren könnten.“ Formuliere daraus eine umsetzbare Anforderung.
Lösung anzeigen
Die entscheidende Arbeit liegt im Nachfragen. Sinnvolle Fragen wären: Woran erkennt ihr heute, dass ein Kunde abspringt? Über welchen Zeitraum? Ab welcher Größe ist ein Kunde relevant? Was passiert mit dem Ergebnis?
Daraus könnte werden:
„Ein Bericht listet wöchentlich alle Kunden mit mindestens 50 000 Euro Jahresumsatz, deren Bestellvolumen in den letzten drei Monaten um mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken ist. Angezeigt werden Kundennummer, Name, Betreuer, Umsatz Vorjahr, Umsatz aktuell und die Veränderung in Prozent, absteigend nach Umsatzverlust. Der Bericht geht montags per E-Mail an die Vertriebsleitung.“
Woran man eine gute Anforderung erkennt: Sie ist messbar, sie hat einen Empfänger, und zwei verschiedene Entwickler würden dasselbe bauen. Der ursprüngliche Satz erfüllte keinen dieser drei Punkte - und genau deshalb gibt es deinen Beruf.
Selbsttest
Karteikarten zu diesem Modul
Wenn du tiefer einsteigen willst
- openSAP - kostenlose Onlinekurse von SAP selbst. Ein abgeschlossener Kurs vor Studienbeginn ist ein guter Gesprächseinstieg mit deinen künftigen Kollegen.
- "Grundzüge der Wirtschaftsinformatik" von Peter Stahlknecht und Ulrich Hasenkamp - das deutschsprachige Standardlehrbuch.
- SAP Community und SAP Learning - Foren und Lernpfade, in denen du auch als Student mitlesen kannst.
- Der Scrum Guide - nur rund 20 Seiten, kostenlos und die verbindliche Quelle. Besser als jede Zusammenfassung.
Das war das letzte Modul. Wenn du bis hierher gekommen bist, bringst du mehr mit als die meisten, die im ersten Semester anfangen. Halt den Stoff mit den Karteikarten warm, probier in der Spielwiese eigene Ideen aus, und schau im Glossar nach, wenn dir ein Begriff entfallen ist.